Roadtrip Namibia #1 – wenn einen bereits der erste Eindruck umhaut…

Nachdem der Flieger sicher am Hosea Katuko International Airport gelandet war, machten wir uns gleich auf unseren Toyota Fortuner abzuholen. Noch während der Fahrt zum Flughafen in Deutschland hatte ich mich um das Auto bemüht und tatsächlich bin ich fast an meine organisatorischen Grenzen gekommen denn es hagelte bereits seit Wochen nur Absagen was ein Mietauto anbetraf! Eine halbe Stunde vor Abflug die Zusage, dass man noch einen SUV (wenn auch, was mir vorab Sorgen bereitete, ohne 4×4), für uns hätte!

20170509_075247-1588983338.jpg

Unser Toyota Fortuner – wir haben unendlich Zeit im Auto verbracht. Auf super hüggeligen Straßen. Ich kann euch versichern, diese Karre ist bombastisch bequem!!!

Ohne Umschweife richteten wir es uns in unserem „Zuhause für vier Wochen“ ein und sofort ging es ab auf die Straße. Wieder mal Linksverkehr! Endlich wieder die Freiheit eines Roadtrips! Ausruhen ist was für Urlauber!

Afrika Trip Etappe #1: Windhuk – Keetmanshoop – Fish River Canyon

Da ich nicht möchte, dass ihr dumm sterbt, geb ich euch zunächst ein paar Hardfacts über Namibia, das Land an der Südwestküste Afrikas:

  • Nord: Angola, Süd: Südafrika, West: Südatlantik, Ost: Botsuana, Nordost: Sambia
  • bis Ende des 1.WK deutsche Kolonie
  • seit 1920 unter südafrikanischem Mandat (inkl. Apartheit usw.)
  • 1990 Unabhängigkeit von Südafrika
  • Hauptstadt: Windhoek, Einwohner 2.1 Mio., fast 2,5 mal so groß wie die BRD
  • der am 2. dünnsten besiedelte Staat der Erde (ha, genau mein Ding)
  • Index der menschlichen Entwicklung: Platz 125/188
  • weltweit ungleichste Einkommmensverteilung, 30 Prozent Arbeitslosigkeit

Die B1, die wohl am besten ausgebaute Straße des ganzen Landes – und dieses Prädikat verdient sich aus meiner Sicht alleine dadurch, dass sie geteert war und vernünftig breit sodass zwei LKW aneinander vorbei gekommen wären -, sollte uns an unserem ersten Tag nach Keetmanshoop führen. Knackige 500 km durch die Kalahariwüste.

Die Kalahari ist eine Trockensavanne. Rötlicher Sand soweit das Auge reicht. Büschelweise ausgedorrtes Gras und hier und da ein Akazienbaum. Eine schier endlos lange uralte Stromleitung am Rande der Straße. Alle 10 Minuten Gegenverkehr.

Riesige rote Termitenhügel säumten den Weg. Und immer mal ein paar Felsen, die irgendwie so wirkten als hätten sie in der platten Ebene nicht wirklich was verloren. Ich taufte sie Affenfelsen denn aus irgendeiner Reportage hatte ich in Erinnerung, dass Pavianhorden solche Felsen oft bewohnen. Und, quod erat demonstrandum – kaum die Großstadtregion Windhuk verlassen, bewahrheitete sich meine Affenfelsenvermutung als die erste Gruppe Bärenpaviane die Straße überquerte und bei genauem Hinsehen der größte Teil der Gruppe noch auf dem Affenfelsen chillte. Es war die erste aber bei weitem nicht die letzte Gruppe Affen in Namibia.

Die Akazien aber auch die Strommasten wurden erbarmungslos von Webervögeln okkupiert. Hunderte Paare bauen an ihnen Gemeinschaftsnester.

 

20170509_123114-873993746.jpg

Ich liebe Roadtrips denn es gibt überall etwas zu entdecken und so viele Gründe um immer wieder anzuhalten! Zum Beispiel die komplexen Nester der Webervögel, die wir während der Fahrt durch die Kalahari entdeckt haben, haben uns immer wieder zu einem Stop veranlasst!

20170509_115532-1902209651.jpg

Die Webervögel sind nicht sehr wählerisch welch Konstrukt als Gestell für ihre Gemeinschaftsnester dienen darf – ob Strommast oder Baum – alles wird okkupiert!

 

Natürlich musste ich nah ran um dieses Konstrukt genauer zu studieren! Unter dem Schnörbeln und Zwitschern der Elternvögel versuchte ich mir diese filigranen Nestkompositionen anzuschauen. Kam ich zu nah verschwanden sie alle in ihren kleinen Höhlen. Ab und zu ein Vogelschiss aus dem Nest heraus gefährlich in meine Richtung, der mir zu verstehen geben sollte was die gefiederten Kollegen von meiner Inspektion hielten.

In Tsumis beschlossen wir uns mit Proviant einzudecken und fuhren an den Supermarkt des Orts. Brot, Käse, Würstchen, Wasser und Bier. Mehr brauchts nicht. Auf dem Parkplatz des Supermarkts angekommen „überfiel“ uns eine Horde völlig aufgedrehter Jungs.

Sie wollten auf unser Auto aufpassen während wir einkaufen. Pustekuchen Freunde! Alles aber nicht das!! Ich hing an unseren Radschrauben!

Einer musste also aufs Auto aufpassen während der andere schnell in den Markt eilte. Im Liquor Store nebenan starrten mich kurz darauf etwa 20 einheimische Männer an als ich ohne Umschweife zum Kühlregal lief mir ein Sixpack Windhuk Lager schnappte und zur Kasse ging. Eine weiße Frau mit nem Sixpack Bier lief hier wohl eher unter der Überschrift „Kurioses“!

Als ich zum Auto zurück kam wurde ich von den Kindern wieder belagert. Ob ich 5 Namibische Dollar hätte. Ich entgegnete, dass ich die wohl hätte. Ob ich sie ihnen auch geben könnte, meinte der Bursche? Ich fragte warum ich das tun sollte? Keine Antwort. Kurz Ruhe. „I can steal your Dollars“, meinte der Rotzfrechste der Nervensägen. Ok – entgegnete ich – wie er das jetzt anstellen wolle, fragte ich. Wieder Ruhe. Ratlosigkeit! „Don´t know, Mam! Don´t know!“

Prinzipsache (was nicht heißt, dass ich nicht ab und an auch schon mal gegen meine eigenen Prinzipien verstoßen hätte) aber ich versuche diese Bettelei, egal wo auf dieser Welt, nicht zu unterstützen. Funktioniert es nämlich, so schicken die Eltern ihre Kinder lieber zum Betteln statt in die Schule! Macht das bitte auch so!

In Namibia klingt, bedingt durch die deutsche Kolonialisierung, noch so vieles so richtig Urdeutsch. So machten wir eine kurze Pause in „Mariental“. Im Laufe der Reise lernten wir jedoch, dass man versucht die sprachlichen Relikte aus dieser Zeit nun durch Umtaufen in eine der vielen Nationalsprachen, wie Oshiwambo, zu beseitigen. Stolz ist man nämlich auf die Vergangenheit nicht. Wohl Größtenteils zurecht. Andererseits zählt Namibia zu den am besten entwickelten afrikanischen Ländern! Ob es da wohl Zusammenhänge gibt? Muss ich später noch mal beleuchten!

Als wir endlich in Keetmanshoop angekommen waren, verließen uns die Kräfte für den ersten Tag so langsam. Zugegeben hatte ich schon eine Stunde auf der Rücksitzbank geschlafen (aber halt auch wieder keine Minute Schlaf im Flugzeug bekommen). Mathias, mit einer mir nicht begreiflichen Power ausgestattet was das Fahren anbetrifft, noch immer auf Kurs Richtung unseres Tageshighlights. Dem Köcherbaumwald und dem Spielplatz der Riesen.

 

20170705_231333-11501603569.jpgDie Köcherbäume (Afrikaans: Kokerboom) gehören zu den Aloen und sind wirklich ein bizarrer Anblick in der kahlen Landschaft der Kalahari. Bei Keetmanshoop gibt es einen ganzen Köcherbaumwald. Eine Landschaft unvergleichlich zu allem was ich zuvor je gesehen habe.

 

Köcherbäume sind Aloengewächse, die in der kargen Landschaft nicht nur auffallen, weil sie zu den wenigen größeren Pflanzen gehören sondern vor allem aufgrund ihres außergewöhnlichen Äußeren bestechen. Bevor wir jedoch den Ausflug in den Qivertree Forest, so die englische Bezeichnung, starten konnten, kamen wir auf eine Farm dessen Besitzer sich um die Aufzucht verwaister Gepardenjungen kümmert.

Er offerierte uns sogleich die Möglichkeit mit ihm in das Gehege der Geparden zu kommen. Meine innere Antipathie gegen die Haltung wilder Tiere hinter einem Zaun meldete sich umgehend zu Wort. Die Aufregung direkt neben einem Geparden stehen zu dürfen allerdings auch. Der Ranger fing an zu erzählen. Die Geparden in Namibia streifen oft über privates Land und reißen – weils eben einfach ist – auch oft das Vieh der Bauern. Und weil Menschen nun mal die dümmste aller Spezies sind, reagieren wir damit diese wunderbaren, vom Aussterben bedrohten Tiere abzuknallen. Zu unserem Ranger hier werden dann ab und an verwaiste Gepardenjunge gebracht, die verzweifelt auf die Rückkehr ihrer erschossenen Mutter gewartet haben. Ziel des Projekts: Auswilderung!

 

20170509_161042-37966078.jpgKein Land der Welt beherbergt mehr Geparde als Namibia. Leider werden sie von Farmern, gerade in der Kalahari, oft erschossen da die Tiere in deren Vieh leichte Beute haben. Gerade ältere Exemplare der Großkatzen reißen die einfach zu fangenden Ziegen der Einheimischen. Verwaiste Jungtiere werden in einer Station bei Keetmanshoop großgezogen und anschließend wieder ausgewildert. Wir haben und zwei dieser wunderschönen Tiere aus nächster Nähe angesehen. Und ich bin glücklich, dass dies kein Zoo war sondern ein Projekt zur Arterhaltung!

 

Okay, jetzt war auch mein Gewissen wieder mucksmäußchenstill und eine Minute später schlichen zwei der anmutigsten Tiere, die ich je sehen durfte um uns herum. Für eine Sekunde dachte ich auch daran, dass jeder der beiden mit einem Sprung und einem Biss in der Lage gewesen wäre mich zu töten. In der nächsten Sekunde vergaß ich es.

Bevor die Sonne drohte am Horizont der Kalahari vom Himmel zu fallen machten wir uns auf in den Köcherbaumwald. Ich lasse die Bilder für sich sprechen. Sie sind schon skuril wie sie dort so stolz und alleine in der kargen Landschaft stehen.

 

20170509_162557-1832352762.jpg

20171018_181734274034369.jpg

Mitten im Köcherbaumwald!

20170705_2313211499206057.jpg

Und auch der Kokerboom dient als Nistgrundlage für die Siedelweber!

20170705_231308-735281561.jpg

Silhouette :)

 

Ach übrigens, Köcherbäume nennt man die Aloen weil die Buschmänner, die San, ihre Äste zu einem Köcher für Ihre Pfeile aushöhlten.

Nun näherte sich die glutrote Sonne wirklich dem Horizont schneller als uns lieb war und wir wollten eigentlich noch auf den „Spielplatz der Riesen“. Wir nahmen die Beine in die Hand und sprinteten zum Auto und fuhren, nein rasten, in die Richtung in der wir dachten ihn zu finden. Wir öffneten einen Zaun für dessen Öffnung wir mit Sicherheit keine Berechtigung hatten und eine Kurve weiter eröffnete sich uns der Blick auf den Giants Playground.

Alleine bei den Bildern, die mir hier beim Schreiben wieder in den Kopf schießen, fange ich vor meinem Rechner an zu Grinsen und mit dem Kopf zu schütteln. Das ist so unwirklich gewesen. Die Landschaft sieht aus wie von einem anderen Planeten. Rotes Basaltgestein vulkanischen Ursprungs ist hier in Blöcken und Würfeln so aufeinandergestapelt als würden die Riesen hier ihre Kinder zum Spielen in den Kindergarten schicken. Wie zum Teufel sollte so etwas natürlich geschehen sein. Dr. Google verriet mir, dass es durch Verwitterung so geschehen sein musste. Zu begreifen ist das trotzdem nicht! Wow!

Wir kletterten auf das höchste der Felstürme und genossen bei einem Bierchen den Sonnenuntergang. Wir würden vor Sonnenaufgang wieder hier sitzen – so viel war klar.

 

20170510_062637748395736.jpg

20170705_231224-1091314354.jpg

Klettern auf dem Giants Playground! Es ist nicht zu glauben, dass die Felstürmchen, die hier stehen, durch Verwitterung entstanden sein sollen! Es sieht aus als hätten Riesen hier Felsen wie Legosteine aufeinander gestapelt! Wir waren hier zweimal weil es fasziniert hat – zum Sonnenuntergang und vor Sonnenaufgang! Sonnenaufgang hats wie immer gerockt!

20170510_062631-527200773.jpg

 

Und nach einer kurzen Nacht in Keetmanshoop klingelte der Wecker bereits wieder um vier Uhr! Wir nahmen das ernst mit dem Sonnenaufgang!

Sonnenuntergänge sind der Hammer. Fast immer! Es gibt aber einen Moment am Tag, der mit Abstand der Schönste ist: der Sonnenaufgang! Verflixt nur, dass das für mich als Langschläfer immer eine solche Qual ist! Aber die Quälerei am Morgen hat sich noch nie nicht gelohnt. Wer mich also beeindrucken will schmeißt mich frühs aus dem Nest, hört sich mein unzufriedenes Geschnatter ob der Uhrzeit an und zeigt mir dann einen genialen Sonnenaufgang – und zack bin ich wieder still!

Dass der Sonnenaufgang an diesem Tag für immer in meinem Gedächtnis bleiben wird – hätte ich mir sparen können zu erwähnen! Für jedes Haar ein Stehplatz!

Ohne Rast fuhren wir, nachdem wir uns ausgiebig ausgetobt hatten am Playground, zum Fish River Canyon! Unserem heutigen Tagesziel!

 

20170510_105252-1031515532.jpgAuf dem Weg zum Fish River Canyon! In Namibia gehört einem die Piste ganz alleine! Naja, fast! Naja gut, eigentlich gehört sie den Straußen und Antilopen.

 

Der Fish River Canyon ist der zweitgrößte Canyon der Welt. Nach dem Grand Canyon – sagt ja der Name schon.

Und nun wurde auch endlich die Strecke abenteuerlich! Nix mehr mit Teer oder Piste auf der man so unvermittelt aneinander vorbei kommt. Nur noch Schotter, Dreck, Sand, Löcher und schale Pisten! Yeah! Und keine Menschenseele mehr unterwegs. Ich lieb das! Ich will sofort zurück! Jetzt!!!!!

So langsam verstand ich auch die ganzen Hinweise. Nehmt genug Wasser mit und Proviant. Ersatzreifen und was weiß ich. Spannende Angelegenheit irgendwo im absoluten Nirgendwo im am zweitdünnsten besiedelten Land der Erde! Kranker Shit (und ich wusste nicht, dass es noch viel krasser werden würde)!

Wir fuhren also zig Stunden nach Hobas um zum Canyon zu gelangen. Und wie es sich so für den Christianastyle gehört, steuerten wir unseren Fortuner etwas sehr Offroad an die Kante des Canyons. Denn erstens hatte ich keine Lust auf Menschen (ok, am Ende sind wir in zwei Stunde vielleicht 8 Leuten begegnet) und zweitens bin ich ja immer auf der Suche nach einem Blickwinkel, den nicht jeder bekommt.

Der Canyon selber ist beeindruckend. Man muss sich ja immerhin vor Augen halten, dass diese tiefe Schlucht durch einen kleinen Fluss in den Stein getrieben wurde.

Wir riefen irgendwelchen Blödsinn in die Tiefe und freuten uns wie Kinder über das megamäßige Echo. Wir sammelten Steine als Souvenirs. Fragten uns wie in dieser kargsten aller Landschaften, in dieser trockensten aller Gegenden, die mir bis dahin begegnet war überhaupt mal ein Pflänzchen aus der Erde schauen kann. Und wir waren uns sicher, hier hunderte Kilometer ab von allem, wäre man alleine gelassen innerhalb von zwei Tagen tot.

 

20170510_112120-1927083896.jpg

20170510_122155_0011954705493.jpg

20170705_2311341567626291.jpg

Fish River Canyon ist nach dem Grand Canyon der zweitgrößte Canyon der Welt! Hier der Blick auf den „Höllenbogen“!

 

Es waren die ersten zwei Tage in Namibia und ich weiß nicht ob an es daran erkennt wie ich schreibe aber ich war einfach geflashed! Das Land hatte mich von der ersten Sekunde an. So absolut unwirklich und irreal. Das beeindruckte mich zutiefst. Und die Weite und Einsamkeit – damit kriegt man mich ja sowieso.

 

20170510_1641091901787689.jpg

Das ist übrigens eine „Bundesstraße“!!!

20170510_142032-2046250434.jpg

20170510_150626-1157201137.jpg

Karge und weite Landschaften!

Nächster Teil: Aus – Kolmanskuppe – Lüderitz

Schreibe einen Kommentar

Or

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *