Madlen von Puriy im Interview

LogoWie hat das bei dir mit dem Reisebloggen angefangen? Wie kam die Idee?
Ich blogge seit 2009 – seit meiner ersten Reise mit „digitaler Vollausstattung“. Dabei fragte ich mich schnell, weshalb ich eigentlich zuvor noch nicht das Bloggen für mich entdeckt hatte, denn auf all meinen Reisen hatte ich ohnehin schon fleißig Tagebuch geschrieben. Das lag wohl eher daran, dass ich zuvor immer sehr „basic“ unterwegs war, auch bezüglich meiner Ausrüstung. Ich möchte auf meinen Reisen nicht immer ein Auge auf mein Gepäck werfen müssen und mit Technik im Rucksack dachte ich, nicht entspannt genug reisen zu können.
Den Blog führte ich einfach gehalten auch nach meiner mehrmonatigen Reise durch Südamerika weiter – aber zunächst nur sporadisch.

Als Lars und ich im vergangenen Sommer die Idee zu einem Buch hatten, folgte automatisch der Gedanke einer Reiseplattform. Damit war puriy geboren. Ursprünglich sollten hier Freunde und Bekannte mitbloggen. Das Konzept ging nicht auf und am Ende waren es wieder mehr ich und ein wenig Lars…

Warst du von Anfang an ständig unterwegs oder hat sich das nach und nach entwickelt?
Natürlich reise ich heute in einer höheren Frequenz. Angefangen hat das Reisen mit 18 neben dem Studium. Die Semesterferien waren damals immer mein großes Ziel, auf das ich mit Nebenjobs hinsparte. Nach dem Studium kam dann ein Loch – mit 25 Urlaubstagen konnte man nicht viel „reißen“ als eine größere Reise pro Jahr. Heutzutage sind es meist zwei „große, längere Reisen“ und einige kleinere auf’s Jahr verteilt – aber das ändert sich aktuell auch immer mehr.

Madlen im Interview - PuriyReiseblogs gibt es wie Sand am Meer – was glaubst du macht deinen so lesenswert?
Uh, das müsstest Du eher meine Leser fragen – die sich ja mit Feedback eher bescheiden halten. Manchmal stelle ich mir und anderen nämlich genau dieselbe Frage. Als Antwort höre ich mal die Geschichten, mal die Fotos. Und irgendwie muss man wohl häufig schmunzeln. Meine eigene Meinung ist, ich schreibe eher ungeschönt – auf Reisen bin ich auch mal genervt, es ist nicht alles rosarot. Und genau solche Sachen möchte ich genauso wie die positiven Aspekte transportieren. Zudem rattere ich in der Regel (außer in meiner Kategorie Reiseberichte) nicht die einzelnen Sehenswürdigkeiten ab, sondern will ein Gefühl vermitteln, das ich genau an diesem Reiseziel vor dieser Sehenswürdigkeit habe.

Was war bislang dein verrücktestes Erlebnis auf Reisen?
Verrückt? Mir passieren viele verrückte Sachen. Aber ein Moment, in dem ich wirklich dachte, das ist ne total andere Welt, war als wir im Süden Äthiopiens Stämme wie die Mursis, Hamer, Banna etc. besucht haben. Ich stand da und war wie gelähmt, das war alles so absurd. Diese Tour war ohnehin gespickt mit vielen seltsamen Dingen. Das kann man aber auch hier nachlesen (http://puriy.de/i-am-sorry-but-we-are-full/). Sicherlich zählt zu den verrückten Dingen auch, dass ich von einem Tauchgang in Honduras direkt in die Dekompressionskammer befördert wurde, nur weil ich meinte, es kribbele ein wenig. Verrückt war auch, dass wir von einem Flug runtergeschmissen wurden (s.u. mehr) oder als wir im Bus von drei Tansaniern irgendwo zwischen Moshi und Arusha verfolgt wurden, zufälligerweise dann noch die Kupplung unseres Busses brannte und wir alle auf die Straße stürzen mussten, wo unsere Verfolger schon warteten. Auch war verrückt, als ich tagelang glaubte, von einer Tsetsefliege gestochen worden zu sein, da der Stich danach aussah. Am Ende war dieser von der ungefährlichen Nairobi-Fliege. Verrückt war auch, als wir in Panama zufälligerweise eine Hütte mit einem berühmten deutschen Schauspieler teilten. Der fand das glaube ich nicht so witzig, denn er schwieg immer nur und ließ die Freundin reden. In Ruanda schipperten wir mit besoffenen UN-Soldaten auf dem Kivusee. In Laos schrieb ich in einem Internetcafé gerade noch eine Mail – zehn Minuten später ging dort eine Bombe hoch –mit Verletzten. Apropos Laos, beim Bad im Mekong tauchten Jungs und griffen immer wieder von unten ins Bikinihöschen rein, in einem anderen Ort holte sich ein Typ vor uns einen runter, immer wieder wurde ich angegrabscht. Ich dachte damals immer nur, wie schräg ist das denn hier alles.
Zu meinem verrücktesten Negativ-Erlebnis ist sicherlich ein bewaffneter Überfall in Südafrika. Das hat zugleich etwas in mir verändert. Zuvor war ich sehr unbedarft auf Reisen, heute habe ich ein größeres Sicherheitsempfinden. Zu meinem verrücktesten positiven Erlebnis – das ist einfach der Amazonas-Urwald. Mein erstes Mal wollte ich noch toppen mit einem Halluzinogen, das Indianer in rituellen und religiösen Zeremonien  einsetzen. Doch davon wurde es mir nur kotzübel. Der Amazonas ist schon so verrückt genug.

Madlen unterwegs - Puriy Interview

Welche Reise war ein Griff ins Klo? Von welchem Land hast du dir mehr versprochen?
Schwierige Frage, die man wohl mit „alle Länder sind auf ihre Art und Weise schön“ beantworten sollte. Soweit vorab, ein Griff ins Klo war definitiv nie dabei. Dafür suche ich mir ja auch im Vorfeld Länder nach meinem Geschmack aus. Es gibt dennoch Dinge, die ich in den letzten 20 Jahren auf Reisen gelernt habe. Eine wirklich unvergessliche Reise ging in die Mongolei. Da ich nur drei Wochen Zeit hatte und mehr als nur Gobi sehen wollte, nahmen wir uns einen Geländewagen mit Fahrer und der obligatorischen Übersetzerin. 18 Tage waren wir in dieser Konstellation mit striktem Plan gemeinsam unterwegs. Ich merkte, ich bin kein Gruppentyp für so lange Zeit. Mich beengte diese Reiseform. Zur Halbzeit in Kharkhorin war wieder alles durchorganisiert und ich sagte zu unserer Übersetzerin, dass wir einfach mal allein durch den Ort gehen möchten. Ich hatte Cafés gesehen. Ja, ich wollte einfach mal allein einen Kaffee trinken. Das war für sie eine ganz große Sache und trübte die Stimmung.

Dann gab es da diese „ungeplante Reise“ nach Argentinien. Iberia hatte uns in Madrid (unberechtigterweise) vom Flieger nach Kolumbien geschmissen (http://puriy.de/gestrandet-mit-iberia/). Wir waren gestrandet mitten in der Weihnachtszeit. Wir gingen in das nächste Reisebüro und fragten nach Flügen irgendwo nach Südamerika. Neue Kolumbienflüge waren zu teuer, Buenos Aires war mit 990 EUR am günstigsten. Die Reise war aufgrund der Geschehnisse in Madrid eine Qual. Ich konnte mich nicht auf das Land einlassen.

Last but not least bin ich nicht ganz so ein großer Südostasienfan. Für mich macht Musik sehr viel auf reisen aus, und in Thailand, Kambodscha und Laos war mir zu wenig drive drin und zu viel Rucksacktourismus in der Light Version, der mich damals nicht so ganz happy gemacht hat. Das heißt aber nicht, dass ich es irgendwann nicht noch einmal versuche. Denn wie sagt man so schon, jedes Land ist auf seiner Art und Weise schön.

Was sind deine TOP 5 Gadgets/Equipment, ohne die du nie auf Reisen gehen würdest?
Eigentlich variiert das – je nach Ziel. Aber eines meiner afrikanischen Tücher, ein Notizbuch und meine Ohrenstöpsel sind, glaube ich, immer dabei.

Du hast ein Buch geschrieben, das finde ich klasse. Wie kam die Idee dazu und was macht dein Buch so lesenswert? Was war bei der Umsetzung die größte Herausforderung?
Nicht ich allein habe das Buch geschrieben, sondern es ist vielmehr ein Gemeinschaftswerk.
Die erste Idee, Anekdoten von unseren Reisen niederzuschreiben, entstand an einem Esstisch mit zwei Freunden. Mit ihnen teilen wir die Leidenschaft des Reisens, tauschen uns regelmäßig aus und lachen gemeinsam über die Highlights aber auch Pleiten, Pech und Pannen auf unseren Touren. Sie sind grandiose Geschichtenerzähler, aber am Ende fehlten leider genau sie als Autoren. Zum Glück gab es ja noch andere Freunde, die ebenso gern reisen. Denn die Idee eines Buchs ließ uns nicht mehr los. Und so sammelten wir in unserem Freundeskreis Ideen und Erlebnisse und bildeten ein kleines Autorenkollektiv.
Die Geschichten spielen auf verschiedenen Kontinenten. Stilistisch sind sie völlig unterschiedlich aufbereitet, mal handelt es sich um Reisebeschreibungen, ein anderes Mal eher um Erlebnisberichte. Von Anfang an haben wir gesagt: alles geht, alles ist möglich. Und diese Vielfalt spiegelt sich tatsächlich in den eingereichten Geschichten: Von Erfahrungen in der Entwicklungsarbeit in Somalia, über eine Interrail-Tour durch das Europa der 90er Jahre bis zu einer poetischen, 3.753km langen Rundreise durch Australien. Wir haben versucht, so wenig wie möglich in die Geschichten einzugreifen, denn Ziel war es, dass es ein Projekt unter Freunden ist und bleibt und sich jeder so wiederfinden sollte, wie er oder sie es erlebt hat. Dies führte unseren Lektor das eine oder andere Mal an seine Grenzen – und war für mich die größte Herausforderung, da er jede Geschichte stilistisch so stark änderte, dass sich die Autoren nicht mehr darin wiederfanden. So musste ich das Lektorat rückgängig machen, als es an die einzelnen Befindlichkeiten ging. Aber wir hatten auch nicht den Anspruch, ein journalistisch sauberes Buch zu veröffentlichen. Vielmehr ging es uns um die individuelle Authentizität der Autoren, die ihr Herzblut in dieses Projekt gesteckt haben.

Hast du abschließend noch einen Kommentar oder Tipp?
Immer wieder hörte ich von Reisenden „The Books says…“ – anstatt den normalen Menschenverstand einzuschalten und die Intuition walten zu lassen. Nehmt den Blick mal weg vom Reiseführer mit den zahlreichen „heißen Tipps“ und entdeckt die Welt für Euch selbst. Das heißt auch, den vorgegeben Pfad mal zu verlassen.

Und denkt nicht nur in Richtung Ferne – auch vor der Haustür liegen wunderschöne Ecken, die es zu entdecken gibt.

MadlenVielen Dank an Madlen von Puriy für das tolle Interview und die vielen Einblicke und Tipps. Hier könnt ihr Madlen auf Google+ , Twitter und auf Facebook folgen. Du hast auch einen Reiseblog und bist erfahrener Weltenbummler? Dann kontaktier mich per Mail (kontakt@thoringi.info) oder auf Google+

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