Eine Entdeckungstour durch die quirlige Medina von Fes

Fes, eine der vier Königsstädte Marokkos, ist weltweit wegen der gigantischen historischen Medina bekannt. Die im 9. Jahrhundert erbaute Altstadt ist seit einigen Jahren UNESCO Weltkulturerbe.

Für Urlauber in Fes ist die Medina die erste Anlaufstelle für Entdeckungstouren. Da ich generell kein Freund geführter Rundgänge bin, haben wir die Medina am ersten Tag auf eigene Faust erkundet. Oder besser gesagt erkunden wollen.

Blaues Stadttor in Fes

Das blaue Tor von Fes eignet sich hervorragens als Startpunkt für eine Entdeckungstour durch die Medina. Hier beginnen die beiden Hauptstrassen mit unzähligen Händlern.

Ausgerüstet mit einer kaum leserlichen Karte und der Info, am blauen Tor zu beginnen, einem der vierzehn Stadttore in der 15 Kilometer langen Stadtmauer, stürzten wir uns kopfüber in das quirlige Leben der Medina. Vom blauen Tor aus verlaufen zwei parallele Straßen bin tief in den Stadtkern. Beide sind links und rechts gesäumt von Marktständen und Verkaufsständen aller Art. Lautstark wird im Getümmel alles Erdenkliche angeboten – von Lederhandtaschen und Schuhen über Argan-Öl und Gewürze bis hin zu Tüchern, Stoffen, Schmuck und Souvenirs. Als offensichtlicher Europäer ist man beliebtes Ziel für die Händler, es gibt hier nur wenige Touristen, das Verhältnis steht vielleicht 1 zu 200. Auf meist sehr aufdringliche Art werden wir an die Stände gelockt, die Vorzüge der Waren werden angepriesen und schon befindet man sich in Preisverhandlungen ohne überhaupt eine Kaufabsicht zu haben. Ein „Nein“, und sei es noch so energisch, hat am ersten Tag kaum geholfen.

In der historischen Medina von Fes in Marokko

In den engen Gassen in der Medina von Fes reihen sich zahllose Händler und Geschäfte aneinander. Die Gassen sind unübersichtlich und häufig auch dunkel, sodass man anfangs schönen Eindruck von der Medina bekommt.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich mich am ersten Tag in der Medina nicht wohl gefühlt habe. Man hatte das Gefühl, dass alle Menschen nur Geld von uns wollen und der Meinung sind, dass sie zum Ziel kommen, wenn sie nur noch ein bisschen lauter und länger fragen. Ungefähr vier Stunden sind wir durch die nicht enden wollenden Shopping-Gässchen geirrt, jeder Abbiegung hat uns wiederrum in eine neue Marktstraße gebracht. Von Markthalle zu Markthalle, von Händler zu Händler haben wir uns treiben lassen ohne ein Ende dieser Läden zu finden.

Ich denke, dass unsere Unsicherheit uns zu einem einfachen Ziel gemacht hat. Wie in einem Teufelskreis haben uns die vermehrten Zurufe, Anfragen und Betteleien noch mehr verunsichert, was uns wiederrum zu einem noch beliebteren Ziel gemacht hat.

Nach vier Stunden haben wir den Ausgang am blauen Tor wieder gefunden, waren fix und fertig, total enttäuscht und konnten uns nicht vorstellen, in dieser Stadt eine ganze Woche zu verbringen.

Königlicher Palast in Fes, Marokko

Der Königspalast von Fes ist sehr beeindruckend. Mehrere Jahren haben zahlreiche Handwerker an dem reich verzierten Eingang mit seinen sieben Toren zum Palast gearbeitet.
Der Palast ist leider nicht von innen zu besichtigen, aber ein Blick auf die atemberaubenden Mosaike und die handgeschlagenen Messingverzierungen sind einen Besuch wert!

Am nächsten Tag haben wir uns einen Guide genommen. Offizielle Guides findet man viele am blauen Tor, wir haben unseren jedoch vom Hotel empfohlen bekommen. Für 200 Dirham, umgerechnet knapp 20€, hat uns Mohammed einen halben Tag durch Fes geführt.

Mit dem Auto haben wir zunächst den Königspalast, die Stadtfeste und eine Keramik-Werkstatt besichtigt. Der Besuch in der Keramik-Werkstatt war sehr interessant und wunderschön. Dieses ganze, Aussteigen, schnell Foto machen, wieder einsteigen und weiter fahren hat mich jedoch in meiner Abneigung gegenüber geführten Touren bestärkt. Doch dann hat uns Mohammed in die Medina geführt.

Auch diesmal sind wir durch einige mit Läden gesäumte Gässchen gewandert, haben allerdings die Hauptstraßen gemieden. Stattdessen wurden wir fachkundlich zu den verborgenen Schönheiten von Fes geführt. Von den meisten Städten dieser Welt bin ich es gewöhnt, dass diese einfach zu finden sind und an großen Plätzen liegen. Nicht so in Fes. Hier sind die interessanten Orte im Gassengewirr der Medina verborgen, für einen nicht Ortskundigen kaum auffindbar. So durften wir Blicke in mehrere Moscheen werfen, als Nicht-Muslime ist uns der Zutritt natürlich verwehrt. Auch eine unglaublich reich verzierte Koran-Schule durften wir besichtigen, der Eintritt mit 10 Dirham pro Person ist sehr günstig für die Pracht der Gebäude.

Wunderschöne Koranschule im Herzen der Medina von Fes

Diese reich verzierte Koranschule liegt tief in der Medina verborgen und ist von außen vollkommen unscheinbar, sodass wir allein wahrscheinlich daran vorbei gelaufen wären. Im Inneren jedoch zeigen sich die kunstvollen Verzierungen. Der gesamte Koran ist entlang der Wände in Stein gemeiselt.

Zur Pracht der Gebäude muss man anmerken, dass in Marokko Häuser von außen alle sehr schlicht und meist eher baufällig wirken. Der erste Eindruck von der historischen Medina ist also alles andere als schön. Die wahre Schönheit liegt in den Häusern und Riads verborgen, im Islam glauben die Menschen, dass es Unglück bringt den eigenen Reichtum offen zur Schau zu stellen. Findet man aber Zutritt zu den Häusern ist die Detailverliebtheit und monumentale Schönheit der Mosaike und Dekore sehr beeindruckend.

Super interessant war unser Ausflug in das Gerberviertel von Fes. Im Winter ist der Geruch erträglich, im Sommer soll man das Viertel bereits von mehreren Kilometern Entfernung riechen können. Durch ein enges unbeleuchtetes Haus (der Strom ist kurzfristig ausgefallen) gelangen wir zu einer Terrasse, von der wir den Männern bei der schwersten aber bestbezahltesten Arbeit zuschauen können. In der prallen Hitze werden die Tierhäute in Kot eingelegt, geschrubbt, getrocknet, abgeschabt und auf viele weitere Arten bearbeitet. Natürlich kann man hier auch Lederwaren aller Art kaufen und auch wenn es nicht unser Anliegen war, hat uns die Handwerkskunst, die harte Arbeit und die filigrane manuelle Verarbeitung so beeindruckt, dass wir als stolze Besitzer einer Tasche und einer Lederjacke das Viertel verlassen haben. Auch hier muss man hart verhandeln, die anfänglichen Preise liegen ungefähr auf dem Niveau deutscher Preise. Mit Hilfe des Guides konnten wir einen günstigen aber dennoch für die Arbeiter sehr fairen Endpreis erzielen, den wir als Touristen nie erreicht hätten.

Hier arbeiten die Gerber von Fes

Inmitten der Medina gehen die Gerber ihrer harten Arbeit nach. In zahllosen Bottichen wird das Leder geweicht, eingelegt, geschrubbt und bearbeitet. Resultat der Arbeit ist zartes Leder, welches per Hand zu tollen Taschen und reich verzierten Jacken verarbeitet wird.

Dann hat uns Mohammed weiter in die Tiefen der Medina geführt. Hier konnten wir eine Weberei, Schneidereien und ein Teppich-Konglomerat besichtigen. Die Menschen sind überaus gastfreundlich und haben uns hingebungsvoll ihre Tätigkeiten gezeigt und von ihrer Arbeit berichtet. Ich denke, es war der Begleitung des Guides zu verdanken, dass wir in keiner Weise zum Kauf gedrängt wurden.

Dank der tollen Führung und interessanten Erklärungen (in sehr verständlichem Englisch) haben wir ein  viel besseres Gefühl für die Stadt bekommen und die verborgenen Schönheiten von Fes kennengelernt. Der Tag war nicht nur wunderschön, er hat uns auch geholfen die Mentalität der Stadt besser zu verstehen, wodurch wir nun viel sicherer durch die Medina gehen und uns richtig wohl fühlen in der hektischen Enge der Königsstadt. Seltsamerweise scheint man uns das anzumerken, wir werden zwar noch immer angesprochen, aber bei weitem nicht mehr so drängend. Ich kann nur für mich sprechen, aber ich würde jedem Urlauber in Fes eine geführte Tour empfehlen, um ein Gefühl für die Stadt zu bekommen und die versteckten Sehenswürdigkeiten zu finden. Es ist ein toller Einstieg für weitere Entdeckungstouren.

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4 thoughts on “Eine Entdeckungstour durch die quirlige Medina von Fes

  1. 29. Januar 2017 at 00:35

    Danke für diesen wundervollen Artikel. So hilfreich! Wir fliegen Ende Februar für eine Woche nach Fes. Und ja, ich bin ein wenig bang: Vor dem Verlaufen, den Händlern, dem Stress der eigenen Unsicherheit. Zu gerne würde ich von Dir erfahren, wie Ihr den Rest der Woche gefüllt habt … mit Ausflügen etc. Konntet Ihr Euch in Fes erholen? In Marrakesch fand ichs quirlig und verwirrend und wunderschön, aber da hatte ich auch kundige Begleitung, um die reizvolle Überreizung der souks zu studieren http://www.frau-auf-reisen.de/?p=3799. Ich freue mich über Austausch und Mail. Msrokko, wir kommen!

    1. Gundel
      31. Januar 2017 at 16:36

      Hi Bärbel,
      danke für deinen Kommentar. Insgesamt finde ich eine Woche mehr als genug Zeit in Fes, wahrscheinlich hätten es auch 4-5 Tage getan. Wir haben ausgiebig in der Medina gebummelt und auch eine Stadtführung gemacht. Vor allem die Handwerksbetriebe waren sehr interessant. An zwei Tagen waren wir wandern, obwohl unsere erste Route nicht schön war. Am besten, du suchst dir vorab was aus.
      Entspannt haben wir schon – mit lange ausschlafen, gemütlichem Frühstück auf der Dachterrasse. Auch ein Besuch im Hammam dürfte für den Erholungsfaktor sorgen.

      Toll, danke für deinen Marrakesch Link – da fliege ich in 2 Monaten hin!

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